Ortenburger Festjahr 2013

Vortrag Ortenburg-Bibel Dr. Miller

Sehr geehrte Damen und Herren,

um es gleich vorweg zu sagen: ich bin froh hier zu stehen. Und das nicht wegen der etwas komplizierten Anreise hierher, sondern aus einem anderen Grund: ich bin froh, dass es uns gelungen ist, die Ortenburg-Bibel, wenigstens zur Hälfte und für eine begrenzte Zeit, wieder hierher nach Ortenburg zu bringen. Es war mir ein persönliches Anliegen, dieses für die Reformationsgeschichte Ortenburgs so wichtige Stück an seinen ersten Wirkungsort in Ihre Ausstellung auszuleihen und Ihnen damit vor Ort die Gelegenheit zu geben, die imposante Schönheit dieser Bibel erleben zu können. Gestern haben wir den ersten Band der Bibel in der Vitrine platziert, heute Abend und die folgenden 14 Tage haben Sie ausführlich Gelegenheit, das neue Exponat in Ihrer Ausstellung zu betrachten.

Lassen Sie mich, bevor ich einige Sätze zur Ortenburg-Bibel selbst sage, ein paar Anmerkungen machen, wie die beiden Bände ins Deutsche Historische Museum kamen. 1986 gelang es dem Antiquar Heribert Tenschert aus Rotthalmünster einigermaßen glücklich, die beiden seit über 380 Jahren getrennten Bände der Bibel wieder zusammenzuführen. Er bot sie daraufhin dem Freistaat Bayern, namentlich der Bayerischen Staatsbibliothek München, zum Kauf an. Die Verhandlungen kamen, wie mir Herr Tenschert neulich telefonisch übermittelte, aus verschiedenen Gründen nie richtig in Schwung und nachdem die sie im Jahr 1988 endgültig gescheitert waren, bot Tenschert die beiden Bände der Ortenburg-Bibel dem DHM an. Mit der Deutschen Klassenlotterie-Stiftung konnte ein großer Drittmittelgeber gewonnen werden, der die Bibel dem Museum nach dem Kauf schenkte. Den in verschiedenen Publikationen und im Internet genannten amerikanischen Privatmann, an den Tenschert die Bibel angeblich verkauft habe, gibt es nicht. Auch ist der häufig genannte Ankaufspreis, für den das DHM die Bibel angeblich gekauft habe, mit 5 Mio. Euro maßlos übertrieben. Und: das DHM hat die Bibel nicht Mitte der 90er Jahre erworben, sondern die Ortenburg-Bibel steht am 7. Juli 1989 im Inventarbuch des Museums. Ich berichte das deshalb so ausführlich, um Ihnen zu zeigen, dass das DHM diese Bibel Bayern nicht weggeschnappt hat. Ich halte im Übrigen das DHM für einen überaus guten und repräsentativen Aufbewahrungsort: in der seit 2006 laufenden Dauerausstellung war durchgehend mindestens ein Band der Ortenburg-Bibel ausgestellt. Diese wundervolle Bibel haben dort inzwischen über 2,6 Millionen Menschen aus aller Welt betrachtet, sie haben von Ortenburg gelesen und dem aufrechten und kämpferischen Reichsgrafen Joachim. Eine bessere Werbung für Ortenburg in Berlin und in der Welt können Sie sich eigentlich gar nicht wünschen!

Lassen Sie mich nun ein paar Worte zur Steiner-Bibel von 1535 sagen, von der ein Exemplar auf Pergament – ich drücke mich bewusst schwammig aus: „vor 1561“ zur Ortenburg-Bibel wurde.

Martin Luther hatte unter Mitarbeit weiterer Theologen den gesamten Bibeltext ins Deutsche übersetzt und ließ diese erste Lutherbibel 1534 bei Hans Lufft in Wittenberg drucken. Der Augsburger Drucker Heinrich Steiner erkannte die Brisanz und Wichtigkeit dieses Textes und fertigte innerhalb weniger Wochen den ersten Raubdruck der Lutherbibel-Geschichte an: Seine BJblia, Das ist die gantze heilige Schrifft Deudsch erschien am 16. Februar 1535 und ist damit modern gesprochen die zweite Ausgabe unserer heutigen Lutherbibel. Dieser Druck ist schon wegen seiner Dimension eine Besonderheit: er umfasst insgesamt 1.370 Druckseiten. Der Druck ist zweispaltig zu je 52 Zeilen, d.h. es sind insgesamt etwa 142.000 Zeilen von Hand gesetzt. Die Bibel ist aufwendig mit Holzschnitten illustriert: es gibt insgesamt drei Titelblätter mit Titeleinfassungen, zwei ganzseitige Holzschnitte sowie 70 kleinere Holzschnitte nach Vorlagen von Hans Holbein, Lukas Cranach und Melchior Schwarzenberg. Soweit die nüchternen Fakten.

 

Üblicherweise druckte man 1535 auf Papier. Steiner jedoch plante zusätzlich zur Normalausgabe offenbar eine Vorzugsausgabe und gewann dafür mit Peter Aprell einen der wichtigsten Papier- und Pergamentlieferanten Augsburgs im 16. Jahrhundert. Von ihm ließ er sich für einen begrenzten Teil der Auflage Pergament liefern. Machen wir eine einfache Rechnung: die Blätter der Bibel sind 31 x 21 cm groß, d.h. die Bögen, auf die gedruckt wurde, messen 31 x 42 cm. Aus einem Schaffell lassen sich 3-4 Bögen Pergament dieser Größe herstellen. Das heißt: für eine Steiner-Bibel auf Pergament benötigte man hochgerechnet 90-120 Schafhäute. Wenn wir von einer Pergament-Auflage von nur 10 Exemplaren ausgehen, mussten dafür 900-1.200 Schafe ihr Leben lassen. Die Finanzierung der immensen Kosten war für Steiner allein nicht zu stemmen und er gewann in Aprell einen potenten Finanzier, der auch das kaufmännische Risiko trug. Von der Steiner-Bibel sind insgesamt noch 15 ½ Exemplare bekannt, davon 4 auf Pergament. Neben dem Berliner befinden sich weitere Pergament-Exemplare in der Landesbibliothek Stuttgart (unkoloriert), und je ein koloriertes Exemplar in der Herzog August-Bibliothek Wolfenbüttel und der Bibliotheca Apostolica Vaticana in Rom. Das kolorierte Pergamentexemplar der Stadtbibliothek Lübeck ist im Zweiten Weltkrieg zerstört worden.

Wie nun wurde ein Exemplar der Steiner-Bibel zur Ortenburg-Bibel? Am 19. Mai 1549 heiratete Reichsgraf Joachim von Ortenburg als seine erste Frau Ursula Fugger. Die 19jährige wurde mit der ungeheuren Mitgift von 30.000 Gulden ausgestattet. Dass sie jedoch zur geistlichen Erbauung von den Vormündern, ihren beiden älteren katholischen Brüdern Johann Jakob und Georg Fugger ausgerechnet eine Lutherbibel, und sei sie noch so reich illustriert und auf Pergament gedruckt, mitbekam, ist doch eher unwahrscheinlich. Eher bekam sie sie von ihrem ebenso protestantischen wie bibliophilen Bruder Ulrich geschenkt, aus dessen Besitz zahlreiche hochkarätige Handschriften in die Heidelberger Bibliotheca Palatina kamen. Spätestens 1561 ist die Bibel in Ortenburg, denn aus diesem Jahr datiert der erste Besitzeintrag Joachims auf dem Vorsatzblatt von Bd. 1 mit seiner – wie ich finde – immer noch lebenswerten Devise: Eil mit weil! Ein weiterer Eintrag von ihm datiert von 1578 im 2. Band. Dort trug er nun zusätzlich seinen Leitspruch “Umbra non cedit soli – Der Schatten weicht nicht von der Sonne“ ein, möglicherweise ein Hinweis auf seinen unerbittlichen Kampf gegen Herzog Albrecht von Bayern im Streit der Konfessionen.

Die weitere Geschichte der beiden Bände ist schnell erzählt. Als Joachim im Jahr 1600 starb, hinterließ er keine direkten Nachkommen. Die Grafschaft Ortenburg fiel an Joachims ältesten Großneffen Heinrich VIII., der jedoch auch bereits 1603 starb. Der 1. Band der Bibel ging auf Heinrichs Sohn Friedrich Kasimir über. Er sorgte als strenger Calvinist dafür, dass in diesem Band (den Sie in der Ausstellung sehen können) die Gottesdarstellungen auf dem Titelblatt und in dem Holzschnitt mit der Paradiesdarstellung getilgt wurden. Da Gottvater im 2. Band noch an seinem Platz in der Titelbordüre thront, können wir annehmen, dass dieser Band auf einen anderen Familienzweig übergegangen war. Wann der 2. Band in private Sammlerkreise kam, wissen wir nicht genau. 1819 taucht er in Paris in der Sammlung des Verlegers Antoine Augustin Renouard auf. Er beschreibt ihn in seinem Catalogue de la bibliothèque d’un amateur: „Ich gebe zu, dass ich viel investiert habe, um diesen großartigen deutschen Druck für meine Sammlung, die ich für den Verkauf angelegt hatte, zu erwerben. Nun ist er da, und er bleibt da”. Dass sich das nicht ganz erfüllt hat, wissen wir heute.

 

Zum 100. Jahrestag des Druckes 1635 ließ Friedrich Kasimir in den 1. Band einschreiben: „Nun seindt gleich hundert Jahr verruckt, Das diese Bibl wardt getruckt, Ich wünsch das sie beim Gschlechte mein noch gar vil hundert Jahr möcht sein“. Auch das hat sich letztlich nicht erfüllt.

„Evangelisch – mitten in Bayern“. Diese nun 450 Jahre währende „Provokation“ hat seine Ursprünge möglicherweise in einem Buch: der Bibel des Reichsgrafen Joachim von Ortenburg. Der Archäologe Ludwig Borchardt schrieb nach dem Fund der Büste der Nofretete am 6. Dezember 1912 einen Satz in sein Tagebuch, den man problemlos auch auf die Ortenburg-Bibel anwenden kann: „beschreiben nützt nichts, ansehen!“

Vielen Dank.

 

 

Dr. Matthias Miller
Leiter der Bibliothek
Sammlungsleiter Handschriften / Alte und wertvolle Drucke
Deutsches Historisches Museum
Unter den Linden 2
10117 Berlin

 

 

BJblia Das ist, die gantze heilige Schrifft Deudsch, Augsburg: Heinrich Steiner, 1535

Erhaltene Exemplare:

 

Aschaffenburg HB

Papier

 

 

Augsburg UB (früher  Maihingen FB)

Papier

 

6 Bde.

Bamberg SB

Papier

 

 

Bamberg SB

Papier

 

 

Berlin DHM (früher Ortenburg GräflB)

Pergament (kol.)

VD 16

RA 92/2968 -1-2 (2 Bde.)

Cambridge

Papier (nur AT)

 

 

Königsberg StB

Papier

 

Kriegsverlust?

London BL

Papier

 

 

LĂĽbeck StB

Pergament (kol.)

 

Kriegsverlust?

MĂĽnchen BSB

Papier

VD 16

 

MĂĽnchen BSB

Papier

VD 16

 

NĂĽrnberg StB

Papier

 

 

Rom BAV (frĂĽher Heidelberg BibPal)

Pergament

 

Stamp. Ross. 7184-7185 (2 Bde.)

Stuttgart LB

Pergament

 

 

Stuttgart LB

Papier

 

 

Wernigerode FB

Pergament (AT)/ Papier (NT)

 

Kriegsverlust?

Wittenberg LHalle

Papier?

 

 

WolfenbĂĽttel HAB (frĂĽher Helmstedt UB)

Pergament

VD 16

Bibel-S. 4° 13 (6 Bde.)

ZĂĽrich ZB

Papier

 

 

18 ½ Ex.

13 Papier / 5 ½ Pergament

 

1 ½ Papier / 1 ½ Pergament Kriegsverlust?