Ortenburger Festjahr 2013

Predigt von Landesbischof Dr. Bedford-Strohm

Predigt zum 450jÀhrigen ReformationsjubilÀum in Ortenburg

Predigttext: Röm 3,21-28: 21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. 22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: 23 sie sind allesamt SĂŒnder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, 24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. 25 Den hat Gott fĂŒr den Glauben hingestellt als SĂŒhne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die SĂŒnden vergibt, die frĂŒher 26 begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, daß er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. 27 Wo bleibt nun das RĂŒhmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. 28 So halten wir nun dafĂŒr, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Bedford_Strohm_PredigtLiebe Gemeinde, diese Worte aus dem Römerbrief des Paulus sind beim ersten Hinhören schwer zu verstehende Worte. Wer sie heute hört, kann sich spontan vielleicht kaum vorstellen, dass Menschen fĂŒr die Botschaft dieser Worte ihre Heimat aufs Spiel setzen, Verfolgung riskieren, ja sogar ihr Leben zu geben bereit sein können. Aber das, was auf uns heute eher wie spröde theologische Dogmatik wirken mag, ist in Wirklichkeit eine große Hymne der Freiheit. Eine große Hymne der Freiheit eines Christenmenschen. Es ist gut, dass es Tage gibt, an denen wir das wieder neu verstehen lernen. An denen wir diese Freiheit eines Christenmenschen feiern. Heute ist ein solcher Tag. Wir feiern 450 Jahre Reformation in Ortenburg. Wir feiern 450 Jahre Evangelischsein in ĂŒber die Jahrhunderte wechselnden Zeiten, in denen Ortenburg immer wieder auch Zuflucht fĂŒr Evangelische war. Evangelische aus Österreich kamen als Wallfahrer nach Altötting getarnt hierher, um einen evangelischen Gottesdienst zu feiern. FĂŒr sie war es gefĂ€hrlich evangelisch zu sein. In Ortenburg konnten sie Gottesdienst feiern, ohne Angst vor Verhaftung haben zu mĂŒssen. Katholiken und Protestanten beĂ€ugten einander mit Misstrauen oder setzten gar die offene Verfolgung an die Stelle des Streites um die Wahrheit.

Umso dankbarer dĂŒrfen wir fĂŒr das sein, was wir heute nun auch feiern dĂŒrfen: 450 Jahre nach dem ersten evangelischen Gottesdienst hier in Ortenburg ist an die Stelle der RivalitĂ€t, der Abgrenzung oder gar Verfolgung zwischen den Konfessionen nun etwas Neues getreten. Wenn wir hier heute Gottesdienst feiern, dann sind unsere römisch-katholischen Schwestern und BrĂŒder ganz selbstverstĂ€ndlich unter uns und feiern diesen Gottesdienst mit. Und wir spĂŒren jenseits der konfessionellen Grenzen das, was uns alle gemeinsam miteinander verbindet, dass wir eine Gemeinschaft um den einen Herrn Jesus Christus sind. Dass es zwar noch Grenzen zwischen uns gibt. Dass dieser eine Herr Jesus Christus diese Grenzen aber immer wieder durchstĂ¶ĂŸt und uns um sein Wort herum versammelt und uns in einem Gottesdienst, wie wir ihn heute feiern, in der Seele spĂŒren lĂ€sst, dass wir eins sind.

Die Worte des Paulus und die Leidenschaft, mit der Martin Luther sie im 16. Jahrhundert kritisch gegen die Kirche in Erinnerung gerufen hat, sind ein wesentlicher Grund fĂŒr die Kirchenspaltung gewesen. „So halten wir nun dafĂŒr, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ FĂŒr Luther war dieser Satz die Grundlage fĂŒr die Forderung nach einer Reform der Kirche an Haupt und Gliedern. Nicht die Bußleistungen gegenĂŒber der Kirche sollten die Grundlage fĂŒr die tiefe Gewissheit des Heils sein, nicht AblĂ€sse oder buchhalterisch festgehaltene gute Werke, nicht das hinreichend hohe moralische Punktekonto bei Gott, sondern allein die Beziehung zu Christus. Allein dieses tiefe GefĂŒhl in der Seele, dass Christus bei mir ist, dass Christus mich liebt, dass Christus fĂŒr mich einsteht, wo ich fĂŒr mich selbst nicht mehr einstehen kann. Allein diese Gewissheit, die Paul Gerhardt so zum Ausdruck gebracht hat:

„Nichts, nichts kann mich verdammen, nichts nimmt mir meinen Mut; die Höll und ihre Flammen löscht meines Heilands Blut. Kein Urteil mich erschrecket, kein Unheil mich betrĂŒbt, weil mich mit FlĂŒgeln decket mein Heiland, der mich liebt.“

Was Luther damals neu eingeschĂ€rft hat, was damals als Weg zu Christus an der Kirche vorbei, als Entmachtung der Kirche, verstanden wurde und zu kirchenspaltendem Streit gefĂŒhrt hat, das können wir als evangelische und katholische Christinnen und Christen heute lĂ€ngst gemeinsam sagen. Es hat seine kirchentrennende Bedeutung verloren. Am Reformationstag 1999 unterzeichneten der PrĂ€sident des Lutherischen Weltbundes und der PrĂ€sident des PĂ€pstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen in Augsburg die „Gemeinsame ErklĂ€rung zur Rechtfertigungslehre.“ Sie will zeigen, so heißt es darin, „daß aufgrund des Dialogs die unterzeichnenden lutherischen Kirchen und die römisch-katholische Kirche nunmehr imstande sind, ein gemeinsames VerstĂ€ndnis unserer Rechtfertigung durch Gottes Gnade im Glauben an Christus zu vertreten. Sie enthĂ€lt nicht alles, was in jeder der Kirchen ĂŒber Rechtfertigung gelehrt wird; sie umfaßt aber einen Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre und zeigt, daß die weiterhin unterschiedlichen Entfaltungen nicht lĂ€nger Anlaß fĂŒr Lehrverurteilungen sind.“ Und spĂ€ter heißt es: „Gemeinsam bekennen wir: Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht aufgrund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befĂ€higt und aufruft zu guten Werken.“

Man muss vielleicht an einen Ort wie hier nach Ortenburg kommen, man muss vielleicht die Ausstellung hier sehen, die erzĂ€hlt von Jahrhunderten der Abgrenzung der Konfessionen, man muss vielleicht die Geschichten erzĂ€hlt bekommen von der Herabsetzung der jeweils AndersglĂ€ubigen, um zu verstehen, welch großer Schatz die Übereinstimmungen sind, die wir zwischen den Konfessionen inzwischen erreicht haben. Es ist Zeit, dass wir als Kirchen die Konsequenzen daraus ziehen. Es ist Zeit, dass wir ein gemeinsames Zeugnis ablegen in einer Welt, die sich nicht mehr fĂŒr die innerdogmatischen Streitigkeiten der Kirchen interessiert, die aber lechzt nach genau der Botschaft, die diese alten Worte des Paulus ĂŒber die Rechtfertigung allein aus Glauben und nicht aus den Werken zum Ausdruck bringen.

Ja diese Botschaft ist hochaktuell! Die Menschen brechen heute reihenweise unter der Last der AnsprĂŒche zusammen. Junge MĂ€dchen hungern so lange, um schlank zu sein, bis sie ins Krankenhaus eingeliefert werden mĂŒssen. SchĂŒlerinnen und SchĂŒler sollen möglichst schnell fit fĂŒr die Globalisierung gemacht werden. Und wenn sie bei Studienbeginn noch nicht mal volljĂ€hrig sind, mĂŒssen die Eltern eben beim Einschreiben in die UniversitĂ€t mitkommen, um die notwendige Unterschrift zu leisten. Alles muss heute effektiv sein. Die Frequenz in den Betrieben hat sich so stark verdichtet, dass viele Menschen völlig erschöpft von der Arbeit kommen und keine Energie mehr fĂŒr die Familie haben. Und auch unter uns Pfarrerinnen und Pfarrern, die wir doch selbst die Botschaft von der Rechtfertigung verkĂŒndigen sollen und das auch immer wieder tun, wird zunehmend das GefĂŒhl zum Ausdruck gebracht, dem Druck der Anforderungen aus den Gemeinden nicht mehr gewachsen zu sein. Das gilt ĂŒbrigens fĂŒr beide großen Kirchen.

Es ist inzwischen so oft in der Öffentlichkeit von „Burn Out“ die Rede, dass Manche schon von einer „Modediagnose“ sprechen. Dabei ist es völlig egal, wie man das nennt, was da passiert. Dass es passiert, ist das Entscheidende. Und wenn die Diagnose so hĂ€ufig gestellt wird, besteht Handlungsbedarf. Da ist es nicht nur fĂŒr die Kirche, sondern fĂŒr unsere Gesellschaft als ganze eine rettende Botschaft, wenn Paulus sagt: „So halten wir nun dafĂŒr, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“

Denn das heißt nichts anderes als das: Du musst dir deinen Wert als Mensch nicht erst verdienen. Du musst nicht erst etwas geleistet haben, bevor du etwas giltst. Du musst noch nicht einmal ein besonders guter Mensch sein, bevor du etwas bist. Du darfst einfach sein! Weil Gott dich zu seinem Bilde geschaffen hat! Weil Gott auf dich schaut und dabei lauter Liebe aus ihm strömt. Weil Gott, wie Luther gesagt hat, ein „glĂŒhender Backofen voller Liebe“ ist. Weil Gott in Christus alles, was du selbst an Barrieren immer wieder aufrichtest, was die Alten „SĂŒnde“ genannt haben, weil Gott das alles in Christus wegfegt und du jetzt wirklich wieder sein darfst, was du bist: Gottes gutes Geschöpf, das Gott nie und nimmer aufgibt und nie und nimmer aufgeben wird. Ja, du darfst einfach sein!

Liebe Gemeinde, nicht nur die Kirche braucht eine andauernde Reformation. Unsere Gesellschaft als ganze braucht eine Reformation. Eine Reformation, die wieder neu ins Zentrum rĂŒckt, dass wir Menschen zuerst sein dĂŒrfen, bevor wir etwas tun. Eine solche Reformation nimmt ein Land in den Blick, in dem Kinder im Kindergarten einfach spielen dĂŒrfen, weil Spielen so schön ist und nicht, weil es der Bildung nĂŒtzt. Ein Land, in dem Jugendliche Stoff zur Bildung der Herzen vermittelt bekommen anstatt vor allem Lehrbuchwissen zu pauken. Ein Land, in dem Familien mit kleinen Kindern als Quelle der Lebendigkeit willkommen sind anstatt als Störfaktor kritisch beĂ€ugt zu werden. Ein Land, in dem Arbeitnehmer zuerst Menschen sind und erst dann auch Produktionsfaktoren. Ein Land, in dem alte Menschen mit ihrem reichen Erfahrungswissen als Segen gesehen werden, anstatt als Ursache fĂŒr die Finanzierungsprobleme der Pflegeversicherung. Das ist das Land, das vor unseren Augen erscheint, wenn wir die Konsequenzen der Rechtfertigungsbotschaft fĂŒr Politik und Öffentlichkeit im Herzen bewegen.

Liebe Gemeinde, in 450 Jahren „Evangelisch in Ortenburg“ steckt eine Kraft, die wir vielleicht erst wieder richtig entdecken mĂŒssen. Evangelisch in Ortenburg – und heute dĂŒrfen wir glĂŒcklicherweise in großer ökumenischer Gemeinschaft sagen „Christlich in Ortenburg“ heißt, die wunderbare Botschaft von Gottes Liebe und Treue uns Menschen gegenĂŒber mit Lust und Leidenschaft weiterzusagen, sie mit unserer ganzen Existenz selbst auszustrahlen und ĂŒberall, wo wir daran scheitern, auch unser Scheitern in Gottes Hand zu legen. Es gibt nichts, was uns von Gott trennen kann. Noch nicht einmal wir selbst können das. Wie könnten wir anders als mit dieser Botschaft im RĂŒcken von Herzen froh heute Abend wieder in unsere HĂ€user zu gehen. Vielleicht begleitet uns dabei der Liedvers, mit dem Paul Gerhardt genau dieses GefĂŒhl in Worte gefasst hat und den wir jetzt gleich singen wollen:

„Mein Herze geht in SprĂŒngen und kann nicht traurig sein, ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ; das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN

 

Facebookeintragungen von Heinrich Bedford-Strohm vom 18. Oktober 2013

Bedford_Strohm_BibelDer Gottesdienst war fĂŒr mich der Höhepunkt des Festtags in Ortenburg. Bewegend zu wissen, dass genau vor 450 Jahren die Evangelischen hier ihren ersten Gottesdienst gefeiert haben und durch die Zeiten hindurch immer wieder bedrĂ€ngte Evangelische – etwa aus Österreich – heimlich hierher gekommen sind, um mitzufeiern. Und heute engagieren sich viele katholische Ortenburger mit fĂŒr das Gelingen des JubilĂ€ums! So Ă€ndern sich die zeiten. Wir können fĂŒr diese ökumenische Geschwisterlichkeit heute nur sehr dankbar sein…

Der Festtag zum 450. Jahrestag der EinfĂŒhrung der Reformation in Ortenburg begann fĂŒr mich mit einem Empfang im Rathaus und den Eintrag ins Goldene Buch. Links neben mir BĂŒrgermeister Johann Halser und das Pfarrersehepaar Sabine und Johannes Hofer. Schon bei diesem Empfang, an dem auch die z. T. von weit her gereisten Familien der Grafen zu Ortenburg teilnahmen, habe ich gemerkt, mit wie viel Engagement die Ortenburger dieses JubilĂ€um feiern und wie sehr dabei Kirche und Kommune zusammenarbeiten. EndgĂŒltig ins Staunen bin ich geraten, als ich die in einem GebĂ€ude neben der Kirche untergebrachte und eigens fĂŒrs JubilĂ€umsjahr konzipierte Ausstellung besichtigte. Was Pfarrerin Sabine Hofer mit einem ökumenisch zusammengesetzten Team da auf die Beine gestellt hat, ist wirklich große Klasse. Ich kann nur jedem empfehlen, diese hervorragend gemachte Ausstellung zu sehen. Höhepunkt ist die extra aus Berlin fĂŒr 2 Wochen ausgeliehene “Ortenburger Bibel” aus dem 16. Jahrhundert eine kolorierte Lutherbibel von 1535.