Ortenburger Festjahr 2013

Predigt von Superintendent Dr. Gerold Lehner

Predigt zum Festgottesdienst 450 Jahre Reformation am 28. April 2013

aufgrund von Jesaja 12,1-6

_______________________________________

Ich danke dir Herr, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.

Siehe, Gott ist mein Heil ich bin sicher und fürchte mich nicht. Denn Gott der Herr ist meine Stärke, und mein Psalm und mein Heil.

Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen. Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem Herrn, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist! Lobsinget dem Herrn, denn er hat sich herrlich bewiesen, solches sei kund in allen Landen!

Jauchze und rĂĽhme, du Tochter Zion, denn der Heilige Israels ist groĂź bei Dir! _______________________________________

Sehr geehrte Schwestern und BrĂĽder!

Die Evangelische Welt, und nicht nur sie, schaut nach vorne auf das Jahr 2017, das große Reformationsjubiläum. Ortenburg ist sozusagen früher dran, weil etwas später unterwegs, weil hier Graf Joachim 1563 die Reformation einführte. Jener Graf Joachim, der unter dem Kenotaph, das hinter dem Altar liegt, ruht. Wann immer ich in den letzten Tagen erzählt habe, wohin ich heute fahre und warum ich das tue und welche Bewandtnis es mit Ortenburg hat, dann ist des Öfteren von meinen Gesprächspartnern die Reaktion gekommen: Das ist ja wie bei,- Asterix und Obelix: Ganz Gallien war römisch,- ganz Gallien? Nein, da existierte ein kleines Dorf…. So witzig diese Parallele auch ist, und so sehr sie sich auch formal aufdrängt, die Frage, die sich damit stellt ist ja die, worum es geht. In Bezug auf Asterix und das kleine Dorf ging es im letzten um die Freiheit. Worum geht es hier in Ortenburg bei 450 Jahren Reformation? Ist es nur der konfessionelle Gegensatz, die evangelische Insel inmitten des katholischen Meeres, oder ist es mehr?

In der Evangelischen Superintendentur in Linz existiert ein im Jahre 1755 erschienenes Buch mit dem Titel: „Seel erquickender Vorschmack des ewigen Lebens, in 634 geistlich- und lieblichen Liedern, Psalmen und Lobgesängen, welche für die Kirche Gottes in der freien Reichs Graffschaft Ortenburg gerichtet, und mit einem Vorbericht und Anhang versehen worden.“ Geziert ist dieses Buch mit dem Konterfei des Carl, Graf zu Ortenburg, geboren den 2. Feber 1725. Dass sich dieses Gesangbuch bei uns befindet, das ist nicht der Sammelleidenschaft eines meiner Vorgänger geschuldet, sondern das hat seinen Grund in der quasi „unterirdischen“ Verbindung, die zwischen Ortenburg und dem Land ob der Enns bestand. Als 1624 das Ende des reformatorischen Glaubens und Lebens in OÖ gekommen war, da sind viele Menschen, die ihren Glauben nicht aufgeben wollten, nach Ortenburg ausgewandert. Sie wurden von Graf Friedrich Casimir aufgenommen, ihnen wurde Land zugewiesen und so entstanden die heutigen Ortsteile Vorderhainberg und Hinterhainberg. Dazu kam aber, dass die sogenannten „Geheimprotestanten“ sich zwar äußerlich den Vorschriften und Riten des offiziellen Glaubens anpassten, aber insgeheim evangelisch blieben. Freilich war das unbefriedigend, und obwohl man intern auch lose Strukturen ausbildete und Andachten, bzw. Gottesdienste feierte, blieb doch die Feier des Abendmahles etwas, dessen man entbehrte. Und so machten sich immer wieder Menschen aus OÖ auf, um nach Ortenburg zu wandern, um hier zum Abendmahl gehen zu können. Und wenn wir heute miteinander das Abendmahl feiern, dann wird der Wein aus jenem Kelch gereicht, aus dem auch schon unsere Mütter und Väter getrunken haben. Und sie sind wohl auch nicht immer leer nach Hause zurückgekehrt. Sie haben Schriften mitgenommen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass dieses zerlesene, oder sollte man besser sagen, zersungene Gesangbuch auf diesem Wege nach OÖ gekommen ist, ist hoch. Ich stehe heute als Superintendent der Diözese OÖ dankbar hier. Dankbar ihnen, ihren Vätern und Müttern, die uns Zuflucht gewährt haben. Dankbar all jenen, die unsere Vorfahren geistlich, geistig und leiblich gestärkt wieder ziehen ließen. Diese Verbindung, diese Erfahrung vertieft die Frage: Worum geht es bei 450 Jahre Reformation?

Vergessen wir nicht: 450 Jahre Reformation in Ortenburg ist nicht einfach ein geschichtliches Datum, das wir feierlich begehen, 450 Jahre Reformation in Ortenburg ist zugleich eine Frage nach dem Heute und dem Morgen. Und es ist nicht so sehr die Frage, wie wir es mit der Reformation halten, es ist viel mehr die Frage, wie wir es mit dem halten, worauf die Reformation hingewiesen, was sie neu zur Geltung gebracht. Die Reformation ist nicht der Anfang und nicht das Ende der Geschichte Gottes mit den Menschen in diesem schönen Land. Die Reformation ist eine Etappe, eine Wegmarke, ein Orientierungspunkt. Wichtig gewiss, aber die Frage heute ist nicht so sehr wie es war, sondern wie es ist und wie es sein wird. Denn Gott hat die Menschen nicht nur damals gesucht, er sucht sie in jeder Zeit und an jedem Ort. Die Frage nach der Reformation ist die Frage nach uns, hier und heute. Ist die Frage nach der Welt und den Menschen. Ist die Frage nach unserem Glauben, unserem Mut, unserem Willen, unserer Hoffnung und unserer Liebe. Und zwar nicht so, dass es jetzt auf uns ankäme, nicht so, dass wir das jetzt aus uns heraus produzieren müssten. Nein, gefragt sind wir, angesichts der Hoffnung, die Gott uns vor Augen malt. Gefragt sind wir angesichts des Vertrauens um das Gott wirbt. Gefragt sind wir angesichts der neuen Spielregeln des Gottesreiches, mit denen uns Jesus herausfordert. Gefragt sind wir angesichts jener Liebe, die uns am Kreuz vor Augen steht. Gefragt sind wir, ob wir in unserer Zeit, mit unserem Leben, dieser Wirklichkeit trauen wollen, uns nach ihr austrecken wollen, sie spiegeln und Gestalt gewinnen lassen wollen. Gefragt sind wir, ob wir etwas von Gottes Menschenfreundlichkeit und Barmherzigkeit, aber auch von Gottes Einspruch und Gericht in diese Welt hineinzutragen vermögen,- ihr und den Menschen zum Heil.

Der Text aus Jesaja 12 ist ein merkwürdiger Text. In unserer Bibel ist er überschrieben mit: „Das Danklied der Erlösten.“ Es geht ihm das Kapitel 11 voraus. Und in diesem Kapitel 11 wird ein großartiges Hoffnungsbild gezeichnet. Ein Bild von jener Welt, die Gott durch seinen Messias heraufführen wird. Und die Bilder dieses Kapitels gipfeln in dem unglaublichen und paradoxen Bild von dem Friedensreich, in dem das Fressen und Gefressen werden ein Ende haben wird: „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen (…) und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. (…) und das Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein, wie Wasser das Meer bedeckt.“ Und dann folgt das „Danklied der Erlösten“. Und auch das ist paradox. Denn die da singen und dieses Lied dichten, die sind noch nicht erlöst. Die leben im Hier und Jetzt,- und dennoch singen sie von einer fremden, aber betörenden Hoffnung. Und dieses Singen lässt sie schon hier und jetzt etwas von dem spüren und ausstrahlen von dem, was zwar noch kommen wird, aber dennoch auch schon da ist.

Vielleicht bräuchte diese Welt Menschen, die von dieser fremden Hoffnung singen können. Die inmitten dieser Welt und ihrem Getriebe dieses Lied anzustimmen vermögen, gegen allen Augenschein. Vielleicht manchmal leise, zaghaft und wie gebrochen. Vielleicht manchmal aber auch ganz naiv und fröhlich voller Zuversicht. Denn es ist das Lied von Gottes Reich. Es ist das Lied von seiner neuen Welt, das Lied von seinen Möglichkeiten.

Vielleicht bräuchte diese Welt Menschen, die es wagen, voller Vertrauen auch das Schwere, auch das Scheitern, auch die Krisen, auch Krankheit und Tod aus den Händen Gottes nehmen zu können,- weil es aus seinen Händen kommt. Vielleicht bräuchte diese Welt Menschen, die sich gerade auch im Dunkel an Gott klammern und nicht von ihm lassen, ihn auch im Klagen noch rufen und suchen,- und finden.

Diese Welt braucht das Lied, das vom Heil singt, das dem Herzen Frieden bringt und es vermag, den ewigen Hunger nach mehr zu stillen. „Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden, wie ein kleines Kind bei seiner Mutter. Wie ein kleines Kind, so ist meine Seele bei mir.“ (Ps. 131,2) Diese Welt braucht das Lied, das die Angst bannt, weil es von dem singt, der im finsteren Tal bei mir ist und dessen Stecken und Stab mich trösten. Diese Welt braucht das Lied, das erzählt wie Gott vor mir einen Tisch deckt, mir das Haupt salbt, mir den Becher füllt und reicht.

Die Reformation war auch ein Glaube, der sich in Liedern Ausdruck verschafft hat. Die Reformation war ein singender Glaube, ein Glaube, der das Herz erfasst hat. „Denn Gott hat unser hertz und mut frölich gemacht / durch seinen lieben Son / welchen er für uns gegeben hat zur erlösung von sünden / tod und Teuffel. Wer solchs mit ernst gleubet / der kans nicht lassen / er mus frölich und mit lust davon singen und sagen / das es andere auch hören und herzu komen. Wer aber nicht davon singen und sagen will / das ist ein zeichen / das ers nicht gleubet /.“ So Martin Luther in seiner Vorrede zum Bapstschen Gesangbuch. Das Danklied der Erlösten ist es, was wir der Welt schulden. Aber weil sich die Geschichte nicht wiederholt, deshalb ist es heute zu wenig, die Botschaft von damals einfach zu widerholen. Was die Botschaft von damals, was die Wiederentdeckung Martin Luthers damals so brisant gemacht hat, war, dass sie sowohl in ihren Einsprüchen als auch in dem, was sie tröstend und befreiend verkündete mitten hinein in die Zeit sprach. In das reale Erleben, die Strukturen, die Verfasstheit des Lebens. Luther konnte auch deshalb so sprechen, weil er Kind seiner Zeit war, weil er Teil hatte an den Ängsten und Sorgen aber auch dem Stolz und dem Selbstbewusstsein seiner Zeit. Und weil er all das mithineinnahm in das Zwiegespräch mit der Heiligen Schrift. 450 Jahre Reformation ist die Herausforderung an uns Christinnen und Christen, und zwar längst über alle konfessionellen Grenzen hinweg, das Wort in die Zeit zu sprechen und es inmitten der Zeit auch zu leben.

Es wird nicht ausbleiben, dass wir mit einem solchen Wort (das auch gelebt werden will!) anecken und unbequem werden. Dass heute schon das elementare Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an Gott“, als nicht bloß privates, sondern öffentliches Bekenntnis brisant ist. Denn inmitten der Relativität der Welt, inmitten des Pluralismus stellt es einen Anspruch, formuliert es eine Wahrheit, die stört. Und sie stört vielleicht gar nicht dort am Meisten, wo dieses Bekenntnis auf andere Religionen trifft. Es stört vielleicht dort am Meisten, wo es auf die westliche, wissenschaftliche, aufgeklärte Wirtschafts-, Technik- und Konsumreligion der Gegenwart trifft, die voller Selbstbewusstsein den Glauben an den Menschen und die Machbarkeit aller Dinge verkündet. Ein solcher Einspruch ist nötig, denn die Kehrseite dieses Glaubens ist die Herrschaft dieses Welt- und Menschenbildes,- und die ist eine Tyrannei, die im Namen des Fortschritts und des Wachstums ausgeübt wird. Dieser Anspruch auf die Welt und die Menschen ist gnadenlos. Dieser Anspruch setzt die Gesetze von Konkurrenz und Selektion unbarmherzig um, auf allen Ebenen. Und dieser Druck wird spürbar bis hinein in jede Existenz: entweder du bist wer, oder du bis nichts. Aber der Maßstab dafür etwas zu sein, den gibt dieses Welt- und Menschenbild vor. Es gibt vor, den Menschen an die Herrschaft zu bringen, aber es ist wieder nur die Herrschaft weniger über viele.

Das Danklied der Erlösten bekennt inmitten einer solchen Situation, dass der Wert des Menschen nicht in sich selbst besteht, nicht in dem, was er kann und vermag, ja, dass seine Würde nicht einmal darin besteht, dass sie ihm von der UNO oder dem Grundgesetzt zugesprochen wird. Denn beides ist Menschenwerk. Es gab eine Zeit, in der es nicht existierte und es werden Zeiten kommen, in denen es nicht mehr existieren wird. Das Danklied der Erlösten singt hingegen davon, dass Gott selbst den Menschen und alle Menschen geschaffen hat, dass er dem Menschen die Treue hält, auch wenn dieser treulos ist. Das Danklied der Erlösten singt von einer Liebe, die so tief ist, dass sie es vermocht hat die Ablehnung zu ertragen ohne ausgelöscht zu werden. Diese Liebe, der Zuspruch dieser Liebe, die Erfahrung dieser Liebe ist der archimedische Punkt im Leben und im Sterben. Er setzt den Menschen frei. Frei von den Ansprüchen anderer, frei von der Verurteilung durch sich selbst, schenkt ihm eine Würde die unabhängig ist von Zeit und Gestalt und Möglichkeit, eine dignitas aliena, die unaufhebbar ist, weil Gott sie gibt. Und damit entsteht inmitten dieser Welt der Konkurrenz ein unglaublicher Raum der Freiheit. Ein Raum der Freiheit FÜR. Freiheit für die Welt, Freiheit für mich selbst, Freiheit gegenüber den Menschen, die es mir erlaubt mich ihnen zuzuwenden jenseits der Parameter von Anerkennung und Wechselseitigkeit.

Ich schließe: So wie man damals gelernt hat das Evangelium zu singen, das Danklied der Erlösten ins Herz zu nehmen, es zu lernen, und es dann von Herzen zu singen, so ist das auch unsere Herausforderung angesichts des dankbaren Gedenkens von 450 Jahre Reformation hier in Ortenburg. Dann, aber nur dann haben wir das Feuer weitergegeben und nicht nur die Asche bestaunt.