Ortenburger Festjahr 2013

Festvortrag von Regionalbischof Dr. WeiĂź

Festvortrag von Regionalbischof Dr. WeiĂź am 31. Oktober 2013

Protestantisches und katholisches Bibelverständnis
Lutherische Überlegungen in ökumenischem Horizont


 

bischof_weissAm 17. Oktober 1563 hatte Joachim Graf von Ortenburg Luthers Lehre in der einstigen Grafschaft eingeführt. Das ist der Anlass für Ihr Reformationsfest ein halbes Jahrtausend später. Bei den Vorbereitungen haben Ihre Kirchengemeinde und der Kindergarten die Idee gehabt, eine eigene Ortenburger Bibel handschriftlich herzustellen. So gab es diverse „Bibel-Abschreibetage“ im evangelischen Gemeindehaus. Das Endprodukt beweist die Liebe Ihrer Gemeinde zur Bibel, wie das einer reformatorisch geprägten Gemeinde gut ansteht.

Die Heilige Schrift gehört nicht nur den Protestanten, sondern genauso den Katholiken. Aber es gibt nach wie vor zwischen den Konfessionen Streit um die Bedeutung der Schrift, also um das angemessene Bibelverständnis.

Als protestantischer Konzilsbeobachter hat einst Wolfgang Dietzfelbinger in seinem Büchlein „Katholisch für Evangelische“ betont: An der Verbreitung der Bibel, „die sie auf dem Buchmarkt zum unbestrittenen Bestseller gemacht hat, sind Christen aller Konfessionen beteiligt.“ Das stimmt.

Doch darf man auch sagen, dass die Konfession des Protestantismus besonderen Anteil hieran hat. Und zwar nicht nur wegen Martin Luther, der die bekannteste und wirkungsreichste Bibelübersetzung im europäischen Sprachraum erstellt hat, sondern insgesamt wegen des hohen Stellenwerts, den die Bibel in evangelischer Spiritualität einnimmt.

Man merkt das beispielsweise beim Besuch eines evangelischen Gottesdienstes: Die Liturgie ist gesättigt mit biblischen Zitaten, Lesungen oder Anspielungen; die Auslegung eines biblischen Textes steht in seinem Zentrum. Aber auch in Gemeindegruppen, an Bibelabenden, auf christlichen Kalendern, in den beliebten Losungsbüchern – immer wieder dreht sich fast alles um Texte aus der Heiligen Schrift.

Für meinen persönlichen Bezug zur Schrift ist mir neben anderen Menschen meine eine Urgroßmutter ein Beispiel. Sie war eine einfache, fromme Frau. Sie hatte viel mitgemacht, früh den Mann und ihr eines Kind verloren, war in die Wirren der Russischen Revolution geraten, hatte den Zweiten Weltkrieg mit seinen Schrecken im Osten und der Not der Vertreibung erlebt und war schließlich mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn in Bayern ansässig geworden, wo sie die letzten zwanzig Jahre ihres langen Lebens verbrachte. So lange sie konnte, ging sie in den Gottesdienst und in die Bibelstunde. Ihre Hauptlektüre war die Bibel. Ihre warmherzige und tiefgläubige Lebensart ist mir bis heute ein Vorbild. Von ihrem Glauben und ihrer Frömmigkeit zehre ich. Ihr ursprüngliches und lebendiges Gottvertrauen machte sich ganz entscheidend an dem fest, was sie in der Bibel las und aus der Bibel hörte.

Dass Protestanten wie Katholiken seit langem die Bibel hoch zu schätzen pflegen, kann immer wieder deutlich wahrgenommen werden. Aber im evangelischen Raum gibt es durchaus einen ganz besonderen Bezug zur Heiligen Schrift.

Die Differenzen in der unterschiedlichen Auffassung über die Bedeutung der Heiligen Schrift will ich Ihnen aufzeigen, indem ich zunächst das evangelische und dann das katholische Bibelverständnis skizziere. Abschließen möchte ich mit einem ökumenischen Ausblick.

1. Drei Grundsätze zur evangelischen Sicht des „Wortes Gottes“
Im Protestantismus steht anders als im Katholizismus das Prinzip im Vordergrund: Allein die Schrift – sola scriptura! – Was hat es damit auf sich?

Ein spezifisch evangelisches Bibelverständnis hat sich erst im Laufe der Reformation herauskristallisiert. Martin Luther ist bei der Entwicklung seiner Lehre der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade immer mehr dazu gekommen, die Rechtfertigungslehre ins Zentrum zu stellen. Seine stetige Suche nach dem, „was Christum treibet“, wird Luther dabei zum kritischen Prinzip: erstens sowohl innerhalb der Heiligen Schrift und ihrer so unterschiedlichen Bücher als auch zweitens gegenüber der Autorität des Papstes und der Konzilien.  Drittens kritisierte er von der Heiligen Schrift bzw. vom Christus-Prinzip aus auch systematisch die Lehre der Kirche. Diese Gegenüberstellung von Kirche und Schrift war damals neu.

In der Folge entwickelte Luther die dreifache Auffassung vom Wort Gottes. Dessen erste Gestalt ist Christus selbst: In ihm ist das Wort Gottes Mensch geworden. Die zweite Gestalt des Wortes Gottes ist das kirchliche Zeugnis von Christus: Luther sieht einen Vorrang der mĂĽndlichen VerkĂĽndigung vor der schriftlichen Fixierung im Bibeltext. Unter dem Evangelium versteht er weniger das, was in BĂĽchern steht, als vielmehr die lebendige Predigt und das Christuszeugnis in der Ă–ffentlichkeit. Die dritte Gestalt des Wortes Gottes schlieĂźlich ist dann sehr wohl die Bibel als Buch, die Schrift gewordene VerkĂĽndigung Christi.

Das evangelische Prinzip „Allein die Schrift“ darf man also nicht so verstehen, als basiere die Christenheit genauso unmittelbar auf der Bibel wie etwa der Islam auf dem Koran. Allein die Schrift – dieses Prinzip kann nicht für sich stehen; vielmehr ist es dem obersten reformatorischen Prinzip „allein Christus!“ zugeordnet. Ihm sollen alle drei übrigen reformatorischen Prinzipien dienen: allein die Gnade, allein der Glaube, und eben auch: allein die Schrift.

Ich fasse zusammen: Reformatorisch dient das Prinzip „Allein die Schrift“ gänzlich dem Herausstellen der Bedeutung des lebendigen Christus für den Glauben, der uns frei macht und erlöst.

Damit ist das evangelische Bibelverständnis skizziert. Nun kann ich deutlich machen, worin die entscheidenden Unterschiede zur Auffassung der römisch-katholischen Kirche bestehen.

2. Zum katholischen Bibelverständnis
Nach katholischer Lehre ist nicht nur die Heilige Schrift wichtig, sondern auch die mĂĽndliche Ăśberlieferung.

Hier müssen wir der katholischen Kirche zugestehen, dass es einst die Kirche war, die überhaupt erst die Schriften des NT gesammelt und einen Kanon festgelegt, d.h. bestimmt hat, was dazugehört und was nicht. Und letztlich sind auch die neutestamentlichen Schriften selbst aus einer lebendigen mündlichen Tradition der Kirche hervorgegangen. Warum dieses Gleichordnung von Schrift und Tradition trotzdem äußerst problematisch ist, dazu später. Zunächst einmal: Wenn (von der Entstehung her) Schrift und Tradition so eng zusammenhängen, dann muss ja umso mehr das, was ich zum protestantischen Schriftprinzip ausgeführt habe, auf Wert, Gültigkeit und Interpretation der Tradition übertragen werden.

Die protestantische Theologie hält sich an den Beginn des Johannesevangeliums, wo von Christus als dem Wort Gottes die Rede ist, das allem vorausgeht; ihm verdankt sich auch die Kirche. Deshalb ist der lebendige Christus die innere Mitte der Schrift, und wenn es sogar geboten sein kann, die Schrift selbst zu kritisieren, so gilt dies erst recht für die kirchliche Überlieferung.

Allein Christus ist das eine Wort Gottes, er allein ist der Erlöser; deshalb kann und darf Maria nicht wie im Katholizismus als „Miterlöserin“ verehrt werden.

Allein auf die göttliche Gnade kommt es an; darum ist das zu verkündigende Evangelium mit keinerlei kirchlichen Hürden oder Bedingungen zu verknüpfen. Allein die Schrift ist es schließlich, die den Inhalt der Christusbotschaft verbürgt – und nicht auch eine hierfür zusätzlich noch notwendige kirchliche Tradition.

Deshalb sieht sich die Kirche der Reformation weniger als Trägerin des Wortes Gottes, sondern primär als dessen Geschöpf. Dass es zwischen Schrift und Kirche kein Gleichgewicht gibt, dass die Schrift vielmehr immer der Kirche voraus ist, ist nicht nur Luther im Verlauf seiner zahlreichen Kontroversen zur Gewissheit geworden; dem kann heute auch jeder Katholik zustimmen.

Im Weltkatechismus heiĂźt es ausdrĂĽcklich: „Das Lehramt steht also nicht ĂĽber dem Wort Gottes, sondern dient ihm…“ Aber was heiĂźt „Dienen“ hier genauer? Das Lehramt – so geht der eben zitierte Satz weiter – dient dem Wort Gottes, indem es „nur lehrt, was ĂĽberliefert ist…“ Es „dient“ ihm also gerade dadurch, dass es seine Auslegungen und Bestimmungen vornimmt auf der Basis von Schrift und mĂĽndlicher Ăśberlieferung.

Aus reformatorischer Sicht hieße solches Dienen einfach: hinhören auf das, was die Schrift allein aus sich selber heraus zu sagen hat. Bevor Kirche sich an die Auslegung macht, legt die Bibel sich zunächst selber aus; sie ist laut Luther ihr eigener Interpret.

Für die katholische Theologie gilt, dass die Schrift grundsätzlich durch das Lehramt auszulegen sei. In der evangelischen Kirche hingegen gibt es kein Lehramt. Und die Bibel besitzt nach reformatorischer Überzeugung eine ihr eigene Klarheit. Luther sagt, dass „die Schrift durch sich selbst ganz gewiss, ganz leicht verständlich, ganz offenbar und ihr eigner Interpret sei, indem sie alles prüft, beurteilt und erleuchtet. Weiterhin unterscheidet Luther zweierlei Klarheiten: eine innere und eine äußere. Die äußere Klarheit der Schrift besteht in ihrer Verständlichkeit, zu der der Refomator nicht zuletzt durch seine Bibelübersetzung beitragen wollte. Die innere Klarheit aber wird allein durch den Heiligen Geist geschenkt: „Was kann an Erhabenem in der Schrift verborgen bleiben, nachdem die Siegel gebrochen, der Stein von des Grabes Tür gewälzt und damit jenes höchste Geheimnis preisgegeben ist: Christus, der Sohn Gottes, sei Mensch geworden, Gott sei dreifaltig und einer, Christus habe für uns gelitten und werde herrschen ewiglich?“ – so Luther.

Solche innere und äußere Klarheit der Schrift lässt lehramtliche Verbindlichmachungen als sekundär, wenn nicht überflüssig, ja womöglich sogar gefährlich erscheinen.

Dabei bezieht sich die protestantisch vorausgesetzte Klarheit keineswegs bloß auf das je individuelle Gewissen des Bibellesers, das sie erleuchtet. Vielmehr muss für die christliche Gemeinde als Ganze klar sein, was das Wort Gottes meint. Der großen kirchlichen Mehrheit muss sich erschließen, was das Evangelium als Zuspruch und Anspruch bedeutet; das ist Grundsatz evangelischen Bibelverständnisses. Luther traut der Bibel eine Deutlichkeit in ihrer eigentlichen, auf Christus bezogenen Sinnaussage zu. Die kann durch das kirchliche Lehramt nicht überboten und auch nicht autoritär gesichert werden. Es gilt, diese Klarheit jeweils neu zu erschließen und zu entdecken; wenn der entscheidende Punkt für das Bibelverständnis der jeweiligen Zeit erst einmal gefunden ist, dann wird die Bibel von sich heraus überzeugen.

Beim reformatorischen „Allein die Schrift“ geht es keineswegs um eine abstrakte Verneinung alles anderen. Vielmehr richtet sich das „Allein“ im Reformationszeitalter und bis heute konkret gegen das katholische „Und“ im Blick auf die Schrift.

Aus katholischer Sicht stehen Heilige Schrift und Tradition tatsächlich gleichberechtigt nebeneinander, denn sie entstammen ja beide der Überlieferung durch die Apostel. Das II. Vaticanum kann sogar die „Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift“ in dieser merkwürdigen Reihenfolge nebeneinander nennen – und dann betonen: „Demselben göttlichen Quell entspringend, fließen beide gewissermaßen in eins zusammen und streben demselben Ziel zu“.

Die Heilige Schrift und die Heilige Überlieferung seien beide dem Heiligen Geist zu verdanken. Sie hätten beide als unversehrt überliefert zu gelten, denn die sie tradierenden Bischöfe hätten mit ihrem Amt das „sichere Charisma der Wahrheit empfangen“.

Deshalb lehrt die römisch-katholische Kirche verbindlich das „Nicht-Allein“: Sie lehrt, wie das II. Vaticanum und auch der Weltkatechismus ausdrücklich festhalten, dass „die Kirche ihre Gewissheit über alles Geoffenbarte nicht aus der Heiligen Schrift allein schöpft“. Vielmehr sind gemäß dem Ratschluss Gottes die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt so miteinander verknüpft, dass keines ohne die jeweils anderen besteht.

Warum haben die katholischen Glaubensgeschwister dieses Nicht-Allein stets so entschieden festgehalten? Die Betonung des „Und“, der angeblich mündlichen Tradition neben der Schrift lässt den Verdacht aufkommen, dass die Schrift allein nicht als hinreichend für das Verstehen der Heilsbotschaft gilt.

Wo aber die biblische Klarheit, wie der Protestantismus sie behauptet, bestritten wird, dort gewinnt notwendig ein zusätzliches Kriterium außerhalb der Bibel an Gewicht.

Und von dem kann keineswegs einfach gesagt werden, dass es gleichermaßen verlässlich sei wie die Bibel selbst. Dies umso weniger, als da Inhalte zum Zuge kommen, die ihrerseits biblisch nicht verbürgt sind und womöglich dem klaren Sinn der Schrift widersprechen.

In der Tat geht es der katholischen Kirche beim Insistieren auf dem Gewicht der Tradition um ganz bestimmte Inhalte, die außerhalb des Neuen Testaments stehen. Es handelt sich im wesentlichen um drei zusammenhängende Komplexe: 1. um das Verständnis der Eucharistie als priesterlich zu verwaltendes Opfer, 2. um die Betonung des kirchlichen Amtes mit seiner Weihe- und Lehrvollmacht, 3. um die Lehre von Maria als der Gottesmutter und Himmelskönigin.

Nicht zufällig sind all diese Themen neuralgische Punkte im ökumenischen Gespräch. Wenn etwa katholische Überzeugung ist: „Das Heilige muß heilig verwaltet werden“, dann begründet dieses Sakramentsverständnis ein besonderes Priestertum. Kraft seines wesensnotwendigen Mitwirkens am Vollzug des Altaropfers rückt es selber in eine bedenkliche Nähe zum Gedanken des Mitwirkens am Heilsopfer Christi. Von solchem Mitwirken kann tatsächlich umso mehr die Rede sein, als das einmalige Sühnopfer Christi ja ausdrücklich in kultischer Vergegenwärtigung während der römischen Messe real, wenn auch unblutig „wiederholt“ wird.

Was Maria als Repräsentantin der „Gemeinde der Erlösten“ betrifft, so wurde sie von Papst Pius X. vor rund hundert Jahren gepriesen als „Verwalterin aller Gnadengaben, die Jesus uns durch seinen Tod erworben hat“! Noch das II. Vaticanum hat Maria von daher ausdrücklich den Titel der „Mediatrix“, einer Mittlerin zuerkannt: Die Mutter des Herrn hat demnach am Erlösungswerk Christi insoweit Anteil, als sie es durch ihren Glaubensgehorsam mitgetragen hat.

Dass reformatorische Theologie bei solchen Äußerungen protestieren muss, liegt auf der Hand. Dabei sieht sie den römisch-katholischen Standpunkt im Zusammenhang damit stehen, dass er das sola scriptura-Prinzip verneint. Nach dem Urteil des erwähnten Konzilsbeobachters Wolfgang Dietzfelbinger hat das II. Vatikanische Konzil „keine Schritte unternommen, eine irgendwie kritische Funktion der Heiligen Schrift zu lehren gegenüber allen anderen Erscheinungen in der Kirche, als auch gegenüber der Tradition.“

Kein Wunder, dass in der Folge beispielsweise Karl Rahner, einer der bedeutendsten Theologen des modernen Katholizismus, in seinem bekannten „Grundkurs des Glaubens“ den einschlägigen Abschnitt über die Bibel erst im letzten Viertel des Werkes behandelt – und zwar unter dem bezeichnenden Titel „Die Schrift als das Buch der Kirche“!

Aber auch der einst in Regensburg lehrende Joseph Ratzinger, heute emeritierter Papst Benedikt XVI., hat die Bibel schon immer in typisch römisch-katholischer Weise eingeordnet. Als Dogmatiker bzw. Lehrer der Systematischen Theologie hatte er betont: Die Offenbarung liegt der Schrift voraus und schlägt sich in ihr nieder; sie ist nicht einfach mit ihr identisch. Und das bedeutet, dass Offenbarung immer größer ist als das bloĂź Geschriebene… Die Schrift ist … nicht die Offenbarung selbst.“ Den Reformatoren ist das durchaus noch bewusst gewesen, meint Ratzinger. Erst im späteren Streit zwischen katholischer und protestantischer Theologie ist es zu einer immer stärkeren Verwischung von Schrift und Offenbarung seitens protestantischer Theologen gekommen. Ratzinger aber betont diese Unterscheidung und begrĂĽndet damit die Notwendigkeit eines autoritativ wirkenden Lehramtes.

Nach seiner Wahl zum Papst hat Ratzinger erklärt, dass das Lehramt und der Papst selbstverständlich dem Wort Gottes diene – und dass deshalb seine päpstliche Auslegung unter dem Wort Gottes steht. Eine für protestantische Ohren interessante Positionierung! Beim Verständnis der Auslegungsmethode orientiert sich Benedikt XVI. am II. Vatikanischen Konzil, wonach die Heilige Schrift im gleichen Geist ausgelegt werden muss, in dem sie geschrieben wurde. Der Papst bedauert, dass die meisten Exegeten in Deutschland nur die historische, nicht aber die theologische Ebene berücksichtigen. Sie kommen so zu Auslegungen, mit denen sie die Historizität der göttlichen Elemente leugnen. Zitat: „Wo die Exegese nicht Theologie ist, kann die Heilige Schrift nicht die Seele der Theologie sein, und umgekehrt, wo die Theologie nicht wesentlich Auslegung der Schrift in der Kirche ist, hat die Theologie kein Fundament mehr. Deshalb ist es für das Leben und die Sendung der Kirche und für die Zukunft des Glaubens absolut notwendig, diesem Dualismus zwischen Exegese und Theologie ein Ende zu bereiten.“

Wir Protestanten kennen dasselbe Problem. Heißt die Erkenntnis, dass die Pastoralbriefe des Neuen Testaments (1./2. Tim, Tit) mit ziemlicher Sicherheit nicht von Paulus stammen, dass die darin beschriebenen Strukturen der Kirche, der Überlieferung und des Schriftprinzips nicht für uns gelten, oder sind sie gerade als späteres Zeugnis theologisch besonders wertvoll?

Den Versuch zur Zusammenführung von Exegese und Theologie unternimmt Joseph Ratzinger als Papst im 1. Band seiner Jesus-Trilogie. Hier bestätigt er den ausgesprochen theologischen Umgang mit der historisch-kritischen Methode. Sie bedarf dringend der geistlichen Einbettung. Sie hat laut Benedikt XVI. zum Programm der „Entmythologisierung“ geführt – und damit einer großen exegetischen Willkür unter dem Mantel der Wissenschaftlichkeit Tür und Tor geöffnet. Das biblisch überlieferte Bild und Verständnis Jesu ist im Zuge dieser Entwicklung gewissermaßen in tausend Stücke zerbrochen. Der Papst aus Bayern beklagt bereits im Vorwort: „Der Riss zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens wurde immer tiefer, beides brach zusehends auseinander. Was aber kann der Glaube an Jesus den Christus, an Jesus den Sohn des lebendigen Gottes bedeuten, wenn eben der Mensch Jesus so ganz anders war, als ihn die Evangelisten darstellen und als ihn die Kirche von den Evangelien her verkündigt?“

Nicht dass der deutsche Papst mit seinem Werk die historisch-kritische Methode vom Tisch der Wissenschaft fegen wollte! Vielmehr bekennt er, ihr viel an Erkenntnis zu verdanken. Im übrigen betont er, sein Buch nicht mit der Autorität des Papstamtes der Öffentlichkeit vorzulegen, sondern als persönliche Frucht seines Gelehrtenlebens. Was er aber möchte, ist eine Ergänzung dieser Methode durch eine zweite, nämlich die der sogenannten „kanonischen Exegese“.

Der zufolge ist ein biblischer Text jeweils im Gesamthorizont der Heiligen Schrift auszulegen und zu beleuchten. Damit steht der Papst der Einsicht Martin Luthers überraschend nahe, dass die Bibel ihr eigener Interpret ist. Durch die Anwendung dieser beiden Methoden im Verbund ergibt sich bei Ratzinger ein farbiges und – wie ich meine – sehr aussagekräftiges Jesusbild.

Dieser Ansatz erweist sich als durchaus fruchtbringend. – Man denke nur an die Fülle unterschiedlicher Jesus-Bücher auf dem Markt – und am Ende gar an die in einem Kinofilm verbreiteten, pseudowissenschaftlichen Thesen über den angeblich verheirateten und nie auferstandenen Jesus! Dagegen muss es im Sinne der christlichen Kirche sein, einerseits die Geschichtlichkeit Jesu Christi festzuhalten – und andererseits auch seine bereits im Neuen Testament ansatzweise bezeugte Göttlichkeit.

Die in der Bibel ausgesagte Heilsbedeutung Christi muss heutzutage kirchlich ebenso transportiert werden wie früher, wenn die Kirche nicht ihre eigene religiöse Bedeutungslosigkeit befördern will. Insofern ist das auf drei Bände angelegte Werk Ratzingers über Jesus auch aus protestantischer Sicht zu begrüßen.

Zwei Einschränkungen ergeben sich bei solcher WĂĽrdigung aus protestantischer Sicht aber doch. Und zwar zum einen dort, wo der mittlerweile emeritierte Papst in typisch katholischer Weise zwischen Heiliger Schrift und mĂĽndlicher Tradition als maĂźgeblichen Quellen kirchlicher VerkĂĽndigung nicht angemessen unterscheidet. Und zum andern in der Hinsicht, dass bei Ratzinger doch zuweilen in ungebĂĽhrlicher Weise die historisch-kritische Methode ausgehebelt wird oder zu kurz kommt. Hierzu hat der Neutestamentler Jörg Frey erklärt: Man hat in den biblischen Schriften durchaus auch „mit der Möglichkeit zu rechnen, dass Sinnpotentiale nicht weitergefĂĽhrt, Einsichten zurĂĽckgedrängt und Bilder umgeschrieben wurden. Manche der zwischen den Evangelien divergierenden oder auch konkurrierenden Aussagen und ErzählzĂĽge lassen sich nicht einfach additiv und harmonistisch zusammendenken. Als (theoretische) Setzung birgt das von Ratzinger gewählte Modell die Gefahr, dass die je eigenen geschichtlichen Anliegen und Perspektiven der biblischen Zeugen eingeebnet werden…“ Ich meine mit Blick auf die exegetische Forschung im Zeichen der historisch-kritischen Methode, dass man es mit der Betonung „redaktioneller“ Unterschiede im Neuen Testament auch ĂĽbertreiben kann. Darum stimme ich dem Papst insgesamt zu, wenn er resĂĽmiert: „Ich denke, dass gerade dieser Jesus – der der Evangelien – eine historisch sinnvolle und stimmige Figur ist.“ Aus meiner Sicht hat dieses Buch des alten Papstes etwas Ă–kumenisches.

3. Ă–kumenischer Ausblick
Gibt es angesichts der geschilderten Differenzen im Schrift- und Amtsverständnis überhaupt eine Chance zur ökumenischen Verständigung? „Die Bibel ist ein Buch der Gemeinschaft“, erklärt der Evangelische Erwachsenen-Katechismus. Dieser Satz lässt sich vortrefflich auf die ökumenische Problematik beziehen. Schon der grundlegende Umstand, dass alle Konfessionen die Bibel als Heilige Schrift gemeinsam hochhalten, ja dass es sogar gemeinsame Übersetzungen gibt, macht Hoffnung. Sollte es dieser Gestalt des Wortes Gottes nicht möglich sein, die Kirche als Geschöpf seines Wortes zunehmend zu einer Einheit im Geist der Liebe und der Wahrheit umzuformen? Diese Möglichkeit hat das Wort freilich nur, wenn es immer besser gehört und solches Hinhören in geschwisterlicher Anleitung gefördert wird.

Als ein Beispiel für ein geschwisterliches Zusammenwirken in solchem Hören empfinde ich in Deutschland die Studie „Communio Sanctorum. Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen“ aus dem Jahr 2000. Gemeinsam konnten römisch-katholische und evangelische Theologen hier sagen, dass „die Heilige Schrift unter dem Anhauch des Heiligen Geistes aufgezeichnet worden“ ist und dass sie „das Wort Gottes bezeugt“. Einig ist man sich hier auch in ihrer unüberbietbaren und unersetzbaren Autorität. Nicht zuletzt bekennt man miteinander, die Bibel sei niemals isoliert, sondern immer im Zusammenhang der Glaubens- und Zeugnisgemeinschaft der Kirche zu befragen.

Der Streit um das Verhältnis von Schrift und Tradition kann heute gelöst werden. Denn von lutherischer Seite wird anerkannt, dass die Heilige Schrift selber aus urchristlicher Tradition hervorgegangen und durch die kirchliche Tradition überliefert worden ist. Umgekehrt werde von katholischer Seite anerkannt, dass die Bibel die Offenbarung hinreichend enthalte, also nicht ergänzungsbedürftig ist. So gesehen, können Schrift und Tradition weder voneinander isoliert noch gegeneinander gestellt werden.

In welcher Weise diese Bezeugungsinstanzen – also die Bibel, die Tradition, das Amt, das Volk Gottes und Theologie – einander zuzuordnen sind, das bleibt zwischen beiden Kirchen allerdings weiter klärungsbedürftig. Und das ist keine Kleinigkeit: Begann nicht eben damit die Reformation, dass die Heilige Schrift gegen sämtliche anderen Bezeugungsinstanzen aufgeboten wurde?

Das Fazit aus Communio sanctorum, aber auch aus anderen ökumenischen Prozessen der letzten Jahrzehnte lautet: Man hat sich in gegenseitigem Verstehen aufeinander zu bewegt. Aber von wirklicher Einigkeit – gerade in den genannten Zuordnungsfragen, die nun wirklich keine Randfragen sind – kann leider noch nicht die Rede sein. Das muss meiner Meinung nach offen eingestanden werden. Der Dialog darf deshalb selbstverständlich nicht infrage gestellt oder gar abgebrochen werden.

Aus der Begegnung heraus erwachsen Chancen neuer, weiterführender Erkenntnisse und Lernprozesse. Es kann dabei auch schmerzlich zu lernen sein, dass bestimmte Konturen der verschiedenen Kirchen bis auf Weiteres unverändert bestehen bleiben werden, weil sie die jeweilige konfessionelle Identität und Authentizität ausmachen. Aber ich halte fest: In der Sache gibt es jedenfalls Anlass zu begründeter Hoffnung auf ökumenischen Fortschritt. Und zwar gerade im Hinblick auf das Ringen um ein theologisch angemessenes Bibelverständnis. Denn von evangelischer Seite wird die Schrift sozusagen erst als drittrangige Gestalt des Wortes Gottes verstanden, der gegenüber der lebendige Christus mit seinem Geist in der kirchlichen Verkündigung voraus ist. Und von katholischer Seite wird die Schrift, wie ich ebenfalls gezeigt habe, samt der Tradition überraschend ähnlich zurückgeführt auf den göttlichen Quell des Mysteriums Christi selbst.

Somit ist eine tragfähige Basis, ja ein herausforderndes Motiv dafür gegeben, im gemeinsamen Hören auf Christus immer wieder neu das theologische und kirchliche Miteinander zu suchen. Dieses Motiv ist der lebendige Herr selbst, der uns allen seinen Geist schickt, um uns zu sich zu ziehen. Wir alle wollen und dürfen Diener seines Reiches sein. Und eine solche Dienerin – das können wir ökumenisch sagen und festhalten – ist die Heilige Schrift selbst.

Umso mehr aber sind beide großen Konfessionen gleichermaßen herausgefordert durch den gegenwärtigen Umstand, dass es um die Kenntnisse der biblischen Inhalte in der Gesellschaft immer schlechter bestellt ist. Dass die Heilige Schrift wunderbare Schätze bereit hält, die zur inneren Stärkung und zur Befreiung hilfreich sind, muss sich wieder neu innerhalb und außerhalb der Kirchen herumsprechen. Wir brauchen wieder mehr Menschen mit einer Liebe zur Bibel, wie sie zum Beispiel meine Urgroßmutter gehabt hat.